erstellt am 1. Oktober 2010 in games, general | 1 Kommentar

Die auf der Half-Life 2 Engine basierende Modifikation »1378(km)« sollte eigentlich am 3. Oktober 2010, also dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, veröffentlicht und kostenlos zum Download angeboten werden. Daraus wird nun wohl nichts.

Das Projekt entstand an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und ist unter einer medienkünstlerischen Perspektive zu verstehen. Das ist wichtig, denn es dient scheinbar als wesentliche Distinktion zum gewöhnlichen Spiel und beschreibt das Projekt als kritisches Kunstwerk. Zudem ist es kein Spiel, was der Unterhaltung dienen soll, denn es wird vom Entwickler und der Hochschulleitung als Serious Game definiert. Ein Serious Game dient in erster Linie nicht der Unterhaltung sondern, verfolgt andere Zwecke:

A serious game is a game designed for a primary purpose other than pure entertainment. The „serious“ adjective is generally prepended to refer to products used by industries like defense, education, scientific exploration, health care, emergency management, city planning, engineering, religion, and politics.

Wikipedia (en)

Es geht also per Definition schon nicht um das willkürliche Abballern von Zivilsten. Zwar wird man als  Todesschütze mit einem NVA-Orden belohnt, jedoch nach 3 Abschüssen in die Zeit nach der Wiedervereinigung versetzt, wo man sich als Täter vor einem Gericht verantworten muss – spielmechanisch scheint es eine Art Respawnpause zu sein, bevor man weiter am Spiel teilnehmen kann. Gewinnen kann man, so der Entwickler, auf diesem Wege jedoch nicht.

Das Spiel 1378(km) zwingt in der Rolle des „Grenzsoldaten“ nicht, „Flüchtlinge“ zu erschießen. Es lässt Wahlmöglichkeiten. Gewinnen kann man bei 1378(km) nur, wenn man nicht schießt.

1378km.de

Wie soll das dann im Praxisfall funktionieren? Die, wie ich finde, berechtigte Kritik ist die Frage, inwiefern die Entscheidung zwischen Schießen und nicht Schießen weitere Reflexionsprozesse anregen soll. Denn letztendlich geht es bei dem Spiel ja in erster Linie auch darum, wie ich es verstanden habe, seine Aufgabe im Team – bzw. auf der jeweiligen Seite – zu erfüllen und das ist nun mal seitens der NVA-Fraktion das Unterbinden von Fluchtversuchen, mit der Option Waffengewalt anzuwenden. Und welche Motivation sowie Mittel zur Verteidigung haben denn die Flüchtlinge? Keine? Ok, dann liegt da wohl auch der Kern der Provokation.

Der Grundgedanke, dass man interaktiv an diesem historischen Szenario teilhaben kann, erscheint zunächst sinnvoll und durchaus plausibel. Ob und inwiefern das Szenario als Mahnung an die damalige Zeit dienen soll und kann, ist jedoch eher kritisch zu betrachten und ich denke, dass die Umsetzung in Form eines Shooters dabei sicherlich nicht die beste Wahl ist. Denn die Handlungsoptionen in einem Shooter sind doch eher eingeschränkt. Auch die Belohnungspunkte für eine erfolgreiche Flucht oder das erfolgreiche Verhindern von Fluchtversuchen, also die zusätzliche Gratifikation für das Erreichen der Ziele und somit die Steigerung der Motivation die Ziele zu erfüllen, halte ich für suboptimal.

Natürlich verstehe ich die Kritik der Opfer des DDR-Regimes voll und ganz. Es provoziert, jedoch scheint auch genau das, mit Blick auf den künstlerischen Anspruch, gewollt zu sein. Was ich jedoch nicht verstehe, ist die Tatsache, dass Politiker, wie auch einige Journalisten, wie selbstverständlich Kritik an einem Produkt üben, welches noch nicht einmal erschienen ist:

Die Linken-Vorsitzende Gesine Lötzsch findet das Spiel „geschmacklos und dumm“, der SPD-Politiker Markus Meckel, früher Mitglied der DDR-Opposition, nennt es „makaber und skandalös“. Peter Frankenberg, Baden-Württembergs Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, hat die Karlsruher Hochschule für Gestaltung, an der 1378 km entstanden ist, um eine Stellungnahme gebeten. Auch Teile der Medien schießen sich auf das Programm ein: Bild Online bezeichnet es als „widerwärtig“ und fordert indirekt ein Verbot.

golem.de

Den Ruf nach Zensur finde ich dabei ebenso lächerlich wie die ahnungslosen Tobsuchtanfälle einiger Politiker. Die gesamte Reaktionskette zeigt jedoch, dass wir hier noch einen weiten Weg gehen müssen, bevor Computer- und Videospiele in unserer Gesellschaft als Kulturgut verstanden und akzeptiert werden.

Wieso eigentlich? Computer- und Videospiele bieten schon heute eine nachhaltige emotionale Erfahrung, nicht zuletzt aufgrund des interaktiven Charakters, wie David Perry hier ausführlich und eindrucksvoll erläutert: