erstellt am 9. Juli 2012 in film | kommentieren

»Barbara«. So heißt das Werk, das Christian Petzold jüngst in die Kinos brachte und welches ihm auf der diesjährigen Berlinale den silbernen Bären für die beste Regie bescherte.

Der Film erzählt die Geschichte der Kinderärztin Dr. Barbara Wolff (gespielt von Nina Hoss), die im Sommer 1980 von der Berliner Charité in ein kleines Dorf an der Ostsee strafversetzt wird, nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hat. In der Provinz angekommen weiß man scheinbar bereits alles über Barbara, ihr Leben und ihre Gewohnheiten. Schnell wird klar, dass auch der leitende Arzt André Reiser (verkörpert von Ronald Zehrfeld, der schon in Dominik Grafs Serie »Im Angesicht des Verbrechens« eine großartige schauspielerische Leistung vollbrachte) zur Überwachung und Kontrolle eingesetzt wird. Doch der Arzt folgt nicht immer den Vorgaben des Systems, er ist auch ein Mensch mit Fehlern und eigener Lebensgeschichte. Er steht Barbara sehr aufgeschlossen gegenüber und versucht ihr stets näher zu kommen. Barbara jedoch ist scheinbar kalt. Sie hat zwar kein Interesse für die Kollegen oder die Menschen aus dem Ort, in dem sie nun leben muss, doch mit viel Gespür und Verständnis für ihre jungen Patienten bewältigt sie ihren Arbeitsalltag auf höchstprofessioneller Ebene. Gegenüber ihren jungen Patienten ist Barbara bedingungslos hilfsbereit und schafft es immer schnell ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das wird im Film besonders an der 16-jährigen Patientin Stella (Jasna Fritzi Bauer) deutlich, die aus dem Jugendwerkhof Torgau kommt. Fachlich findet Reiser dann doch einen Zugang und kommt Barbara näher, sodass sich nach und nach — sehr langsam — eine vertraute Beziehung entwickelt.

Im Gegensatz zu dieser Entwicklung bleibt die Starre des politischen Systems. Mehrfach wird ihre heruntergekommene Wohnung, die man ihr zugewiesen hat, von der Stasi durchsucht. Auch vor einer Körperdurchsuchung wird nicht halt gemacht. Persönliche Ruhe, Privatsphäre, Sicherheit, Freiheit oder Frieden. All das hat Barbara kaum beziehungsweise gar nicht mehr. Bleibt die Frage, was ihr die Kraft gibt, jeden Tag auf den Arbeitsplatz zu gehen und ihren Job zu tun? Darauf gibt Petzold schnell einige Antworten. Einerseits ist da die Leidenschaft für die Medizin beziehungsweise der tiefe Bereitschaft Menschen zu helfen und zum anderen ist da Barbaras Geliebter aus dem Westen, der regelmäßig vorbeikommt, sich heimlich mit ihr trifft und ihre Flucht in den Westen gemeinsam mit ihr plant und vorbereitet. Aus der Vollüberwachung wird kein großes Geheimnis gemacht. Dennoch führt kein Weg an der systematischen Beobachtung und den ständigen Schikanen vorbei. Außer die Flucht aus dem Land.

Petzold schafft es, die Geschichte um Barbara so eindringlich zu erzählen, dass das Rahmenthema DDR und damit die einhergehenden Überwachungs- und Kontrollmethoden nach und nach in den Hintergrund geraten und so der Schwerpunkt geschickt auf das Zwischenmenschliche und die Frage von persönlichem Vertrauen oder besser gesagt Misstrauen gelegt wird. Nina Hoss verleibt der Rolle von Barbara durch ihr schauspielerisches Talent und Routine eine besondere Kraft, die — wie ich finde — besonders durch spannende Close Ups in Szene gesetzt wird.

Die Geschichte wird durchweg sehr passiv und distanziert erzählt und trotzdem entsteht eine gewisse emotionale Wärme, vermutlich durch die Inszenierung der beiden Hauptcharaktere sowie die eindringlichen und sehr bestimmten Dialoge. Vielleicht aber auch, weil Petzold es schafft, ohne große Klischees auszukommen. Der Film schwankt zwischen Alternativlosigkeit und Hoffnung. Wo dabei die Grenze zwischen Macht und Ohnmacht verläuft wird zunächst nicht deutlich und erst im späteren Verlauf des Films klarer umrissen. Am Ende bleibt die Frage, ob Nächstenliebe über eine staatlich-systematische Überwachung und körperlichen sowie psychischen Demütigungen gehen kann. Ein toller Film, sehr sehenswert.