erstellt am 11. August 2014 in daily stuff, general | kommentieren

Demokratie muss man lernen, lebenslang. Unter diesem Titel spricht Oskar Negt in der Serie Sein und Streit über Aufklärung und Demokratie. Ich kenne Oskar Negt in erster Linie von seiner gemeinsamen Arbeit mit Alexander Kluge, die sich den Schwerpunkten Öffentlichkeit und Erfahrung widmet. Normalerweise kann ich solchen Gesprächsrunden immer wenig abgewinnen, dieses hier hat mich jedoch noch etwas beschäftigt.

Negt ist am 1. August 2014 80 Jahre alt geworden und bekannt für seine kritischen Überlegungen zu den wirtschaftlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Menschen in Europa. Einen zentralen Stellenwert nimmt dabei die Verflechtung von Demokratie und Sozialstaat ein. Anders gesagt bildet ein funktionierender Sozialstaat die Grundlage für das Gelingen einer demokratisch verfassten Gesellschaft.

Auch in diesem Gespräch wird die Frage nach dem Gelingen einer demokratisch verfassten Gesellschaft gestellt. Und auch hier weist kritisch Negt auf den Abbau demokratischer Mitbestimmungsrechte in nahezu allen Bereichen hin. Der Gesprächsverlauf ist bis dahin nicht überraschend und verweist auf eine lange Tradition. Auf Nachfrage verdeutlicht Negt diesen Entwicklungstrend am Beispiel des Wissenschaftssystems in Deutschland. Und genau dieser Punkt hat mich noch einige Tage beschäftigt. Geprägt durch die autoritären Strukturen von wirtschaftspolitischen Gremien, so Negt, werden demokratische Strukturen nach und nach abgebaut.

Das Beispiel könnte treffender kaum sein, schaut man sich die aktuellen Sparmaßnahmen im Bildungssektor des Landes Sachsen-Anhalt an. Die bisherigen Vorschläge seitens des Wissenschafts- und Wirtschaftsministeriums sind höchst umstritten und haben in der vergangenen Zeit zu deutlichen Protesten unterschiedlicher Interessengruppen geführt. Schließlich haben die Sparmaßnahmen direkte Auswirkungen auf die einzelnen Standorte des Bundeslandes. Die von Negt beschriebenen autoritären Strukturen lassen sich besonders deutlich ablesen, wenn Möllring (CDU), der Wissenschafts- und Wirtschaftsminister direkt über die Schließung von Instituten verfügen möchte. Es sind keine neuen Debatten, die hier angestoßen werden. Sparmaßnahmen im Bildungssektor wurden bereits mehrfach thematisiert – auch bundesweit. Trotzdem ist es hier scheinbar eine beachtliche Strategie, wird der kritische Kern der Diskussion, mit all den hinterfragbaren Argumenten des Wirtschaftsministeriums, am Ende vielleicht doch eine selbsterfüllende Prophezeiung.

In der Konsequenz, so Negt, führen diese Entwicklungen von befristeten und ungewissen Arbeitsverhältnissen dazu, dass durch die fragmentierten Perspektiven Lebensentwürfe kaum mehr möglich sind. Die Präsenz einer solchen fortwährenden Situation entwickelt innerhalb der Gesellschaft eine virulente Dynamik. Mit dieser These rüttelt er wach. Schließlich sind gerade im Bereich der Wissenschaft feste Anstellungen und Qualifikationsverträge mit 3 Jahren(+) zu einem Luxusgut geworden. In anderen Bereichen sieht es nicht viel anders aus, wenn man sich ansieht, wie viele Leute Unmengen an (gering bezahlten) Praktika machen. Natürlich ändern sich damit die Voraussetzungen für das was wir unter Lebensentwürfe verstehen. Schließlich sind diese Prozesse auch einer Enttraditionalisierung im Sinne der Individualisierung zu zuschreiben. Lebensläufe werden fragmentierter und ausdifferenzierter. Ja, auch anfälliger für (radikale) Brüche. Zugleich werden sie aber auch bunter und vielfältiger. Ich will damit keinen prekären Zustände schön reden. Es hat sich jedoch – mit Blick auf die New Economy – gezeigt, dass das Loslassen von alten Denk- und Handlungsmustern durchaus auch hilfreich sein kann, wenn es nicht manchmal sogar zwingend erforderlich ist.

Eine Frage, die man sicherlich nicht in drei Sätzen beantworten kann ist, ob es sich dabei eher um einen Zwang oder die individuelle Freiheit zur Entfaltung handelt. Fest steht jedoch, dass der Trend zur reflexiven Lebensführung mit einer Steigerung der Bildung einhergeht und die Pluralisierung von Lebensstilen neue Herausforderungen mit sich bringt. Wenn man Demokratie lernen und immer wieder neu verhandeln muss, dann muss es nicht nur Raum sondern auch die Orte dafür geben.