erstellt am 19. August 2015 in general, study | kommentieren

Was hat Schiller mit der Romantik zu tun? Doch eigentlich gar nicht mal so viel, würde man spontan sagen. Bettina von Arnim, Caspar David Friedrich oder auch Johann Gottlieb Fichte fallen einem da sicher schon eher als Vertreter dieser Epoche ein. Die Romantik überschneidet sich auch nur in sehr geringem Maße mit dem Leben und Wirken von Schiller, der neben Wieland, Goethe und Herder schließlich zum Viergestirn der Weimarer Klassik gehört und somit allein aufgrund dieser Zugehörigkeit von Frühromantik abgegrenzt werden kann.

Dennoch denke ich, dass Schiller nicht komplett vom Umkreis der Romantik abgegrenzt werden kann. Interessant wird es nämlich, wenn wir uns den Schiller’schen Spieltrieb genauer ansehen. Schiller fragt danach, wie sich die sinnlich-vernünftige Natur des Menschen zu seiner Umwelt verhält und beschreibt dies indem er den Menschen als ein Wesen doppelter Natur erfasst, welcher stets den Einflüssen zwei kontradiktorischer Wirkkräfte ausgesetzt ist. Er benennt diese Triebkräfte mit Formtrieb und Stofftrieb bzw. sinnlichen Trieb. Der Stofftrieb beschreibt das natürliche Dasein des Menschen und umfasst sinnliche sowie körperlich und physische Bedürfnisse.

Der erste dieser Triebe, den ich den sinnlichen nennen will, geht aus von dem physischen Daseyn des Menschen oder von seiner sinnlichen Natur, und ist beschäftigt, ihn in die Schranken der Zeit zu setzen und zur Materie zu machen: nicht ihm Materie zu geben, weil dazu schon eine freye Thätigkeit der Person gehört, welche die Materie aufnimmt, und von Sich, dem Beharrlichen, unterscheidet. (Schiller 2013, S. 51, 12. Brief)

Entscheidungen werden verstärkt aus Gefühlslagen und emotionsgeleitet getroffen, das lässt sich unter Sinnlichkeit verstehen. Der Stofftrieb ist vor allem beim jungen Menschen dominant.

Der Formtrieb hingegen kann als Ausdruck des Geistes gelesen werden, er spiegelt die Ebene der Vernunft wider und wirkt somit nach außen.

Der zweyte jener Triebe, den man den Formtrieb nennen kann, geht aus von dem absoluten Daseyn des Menschen oder von seiner vernünftigen Natur, und ist bestrebt, ihn in Freyheit zu setzen, Harmonie in die Verschiedenheit seines Erscheinens zu bringen, und bey allem Wechsel des Zustands seine Person zu behaupten. (Schiller 2013, S. 53, 12. Brief)

Der Formtrieb entwickelt sich erst im Laufe des Lebens. Form wird hier nicht nur für die Errungenschaft der Kultur verstanden, Form bedeutet gleichermaßen auch, dass das individuelle Handeln im Bewusstsein von Grenzen, Gesetzen und vor allem Pflichten stattfindet. Vernunftgeleitetes Handeln bringt jedoch ebenso eine Unterwerfung mit sich. Der Mensch unterwirft sich in dieser Aufteilung schließlich der Rationalität und muss in der dichotomen Unterscheidung zum Stofftrieb die natürlichen Bedürfnisse der (Um-)Welt ignorieren.

Die Wechselwirkung von Formtrieb und Stofftrieb lässt sich im Spiel festhalten, wie Schiller über den folgenden, prominenten Satz zusammenfasst:

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. (Schiller 2013, S.68; 15. Brief, Hervorhebungen im Original)

Der Gegenstand des Spieltriebs, sei dabei die lebende Gestalt und beschreibt ein Ideal, welches es zu erreichen gilt und das sich zudem immer im Spannungsfeld von Zwang und Freiheit befindet. Die beiden Triebe, Stoff- und Formtrieb müssen ausbalanciert werden, damit der Menschc sich weder durch reine Vernunft leiten lässt, die zur unmoralischen Herrschaft des Adels geführt hat, noch durch seine Gefühle dominiert geleitet wird, was grob gesagt die Französische Revolution in die Schreckensherrschaft des Volkes überführte. Dies geschieht bei Schiller im Spiel. Der Spielbegriff hat hier also eine besondere Qualität, entfernt er sich unter den Bedingungen der individuellen Entfaltung von einer Lesart, wie wir sie bei Huizinga beispielsweise finden, denn wie soll die vollkommene Ausprägung der menschlichen Kräfte stattfinden, wenn man nicht in der Lage ist, seine Familie zu ernähren und Brot auf den Tisch bekommt. Wie soll ein Gleichgewicht geschaffen werden, wenn die Rahmenbedingungen strukturell so ungleich auf den Menschen einwirken? Diese Problemperspektive ist ein klares Argument gegen eine romantische Lesart Schillers, der sich absolut über die Missstände der damaligen Gesellschaft und den Zerfall der friedlichen Ordnung Europas im 18. Jahrhundert im Klaren war.

Trotzdem erlaubt gerade die Bezeichnung der Ausbalancierung von Stoff- und Formtrieb als Spiel weiteren Raum für Interpretation, besonders weil wir das Spiel in dieser Weise als einen ästhetischen Zustand verstehen können.

Was bedeutet das nun für die Idee der Romantik?
Wenn man davon ausgeht, dass die Lebenswirklichkeit nicht aufgehoben, sondern erweitert wird, dann kann man Schiller wie folgt lesen: Der logische Verstand und die Vernunft dominiren den Tag, während hingegen die Einbildungskraft, das Träumen in der Nacht ablaufen. Tag und Nacht sind ebenso starke wie klassische Unterscheidungskategorien, jedoch sind sie auch untrennbar miteinander verbunden. Sie beeinflussen sich gegenseitig und so lässt sich auch das menschliche Handeln erfassen. Die etablierten Grenzen verblassen genau an dieser Stelle.

Nun könnte man einwenden, dass sich die Idee der Klassik durch ein Streben nach Objektivität, also eine feste Ordnung sowie Maß und Harmonie beschreiben lässt. Dies finden wir auch ganz dezidiert in der Wechselwirkung von Form- und Stofftrieb. Ganz klar, daran gibt es keinen Zweifel. Ich will Schiller hier keineswegs zum Romantiker erklären, das wäre viel zu weit gegriffen und sicher auch schlicht verkehrt, vielmehr soll eine unverkennbare gegenseitige Einflussnahme der historischen Strömungen aufgezeigt werden, die sich sogleich entlang der Werke von Schiller ablesen lässt. Was Schiller hier im Wechselspiel und der Ausbalancierung beschreibt, kann aus der Perspektive des Romantikers ähnlich, wenngleich verstärkt gelesen werden. Für den Romantiker ist die Welt in Vernunft und Gefühlen unterteilt. Für mich etwas paradox und zugleich sehr spannend ist gerade der Blick auf den späten Schiller. Führt man sich seine wirtschaftliche Notlage vor Augen, erscheint gerade das Drama der Jungfrau von Orleans als ambivalentes Werk mit hohem Interpretationsgehalt bezüglich der romantischen Strömung. Zwar lässt es sich Werk- und literaturgeschichtlich deutlich der Weimarer Klassik zuordnen, doch schon die peritextuelle Gattungsbezeichnung „romantische Tragödie“ weist darauf hin, dass Schiller mit dem Drama auf die aufkommende Romantik reagiert. Würde man nun also sagen, dass Schiller nichts mit Romantik zu tun hat, wäre das schlicht und einfach zu kurz gegriffen. Man könnte jetzt noch weiter gehen und die Bedeutung der blauen Blume, die als zentrales Symbol für die Romantik gilt, hinsichtlich klassischer Fragen von Ästhetik und Erziehung genauer betrachten.

 

Beitragsbild AttributionNoncommercialShare Alike Friedrich Schiller. von Frank M. Rafik