erstellt am 23. Februar 2018 in games | kommentieren

Hin und wieder, um abzuschalten, schaue ich mir YouTube-Videos oder Livestreams von Gamern an. Vor einiger Zeit haben Jens und ich auch zu Let’s Play-Videos gearbeitet und insbesondere die bildungstheoretischen Implikationen des Streamings für die Akteure und das Publikum diskutiert.

Gaming-Videos sind aber auch besonders interessant, wenn es um die Frage geht, wie die Komplexität von Spielen wie Starcraft 2, Counter-Strike, Dota oder Simulationen von den Gamern aufgefangen wird. Die verschiedenen Streams und Videos können helfen, um den Umgang mit implizitem Wissen genauer zu betrachten und möglicherweise einen Prozess des Explizierens sichtbar machen. Implizites Wissen ist ein Begriff aus dem Wissensmanagement, der Abläufe beschreibt, die ein Akteur in bestimmten Situationen volllzieht, ohne diese aber verbal artikulieren zu können, oder sich darüber im klaren zu sein. Es sind gewissermaßen Automatismen, die dazu beitragen, die jeweiligen Situationen zu meistern. Ein gutes Beispiel bringt die Wikipedia mit, in der die Fähigkeit, auf dem Fahrrad das Gleichgewicht zu halten genannt wird:

Wer das vermag, kennt – aber eben nur implizit – eine komplexe physikalische Regel, die Neigungswinkel, aktuelle Geschwindigkeit, Kreiselgesetze und Lenkeinschlag berücksichtigt.

Das implizite Wissen wird oft dem expliziten Wissen gegenübergestellt und „als eindeutig kodiertes und deshalb mittels Zeichen (Sprache, Schrift) eindeutig kommunizierbares Wissen verstanden.“

Es spielen also Erfahrungen, subjektive Eindrücke und Reflexionsmomente eine große Rolle, wenn es um die Einordnung des impliziten Wissens geht. Wir finden diese Momente auch im Gaming. Gerade dann, wenn es um schnelle Handlungen, Reflexe und komplexe Abläufe geht.

Am Beispiel von Starcraft II ist mir dieser Aspekt durch die Videos des Users WinterStarcraft besonders deutlich geworden. Evan ‚Winter‘ Ballnik ist ein Spieler, der durch seine Streams und Moderationen bekannt geworden ist. Es gelingt ihm in seinen Videos eine analytische Abstraktionsleistung zu vollbringen, die ihn eigentlich komplett aus dem Spiel zieht. Interessant sind die Momente, in denen er die Spielsituation einschätzt und darauf hin reagiert.

Zwei Beispiele aus einer Analyse eines Matches, bei dem Winter nicht mitgespielt hat zeigen diese Analyse- und Abstraktionsleistungen sehr gut:

Szene 1) Der Spieler Special verbleibt mit seiner Kameraperspektive längere Zeit an einem Spot:

Szene 2) Kurz darauf stellt Winter fest, dass SpeCial die gegnerischen Einheiten kommen sieht und sich trotzdem anderen Dingen zuwendet, ohne von dem Angriff beeindruckt zu sein:

Er analysiert das Spielverhalten und interpretiert entscheidende Momente des Spiels auf Basis seiner eigenen Erfahrungen, objektiven Fakten und gibt so den Zuschauenden die Gelegenheit über die Zusammenhänge zu reflektieren und eigene Verhaltens- und Handlungsweisen im Spiel einschätzen zu können. Es ist nicht unwesentlich zu erwähnen, dass SpeCial mit mehr als 350 Aktionen pro Minute spielt. Das heißt, dass er pro Sekunde ungefähr 6 Handlungen vollzieht. Angesichts dieser Geschwindigkeiten werden zwei Dinge deutlich: Ersten sind die Momente der Reflexion hier in neuen Dimensionen zu verorten, vielleicht lassen sie sich gar nicht im Spiel vorfinden, da hier Abläufe weitestgehend automatisiert ablaufen. Zweitens zeigt sich gerade hierbei die Qualität der Spannungsfelds von immersiven Momenten und Brüchen geraden nicht linear verläuft, sondern in reflexiver Beziehung zueinander stehen kann. Einmal blickt man länger auf ein Geschehen, vielleicht fasziniert von dem, was dort passiert und dann ist man wieder dabei seine Handlungen dem Geschehen anzupassen.

Interessant wird es nun, wenn Winter selbst spielt und die Moderation im Stream sich auf sein eigenes Handeln bezieht. Hier habe ich jetzt gerade keine Beispiele herausgesucht, es gibt sie aber. Streams, Casts oder andere Spielbesprechungen können also grundlegend dazu dienen Lern- und Verstehensprozesse sichtbar zu machen und zu kommunizieren. Spannend wäre jetzt eine weiterführende Betrachtung und Kategorisierung des impliziten Wissens und der jeweiligen Explikationspotenziale.